Die Reise des Reisepasses

(Usbekistan / Kirgistan / China)

15.10.2013 - Kashgar / China (11956 km)

Montag, 26. August 2013, morgens um elf Uhr: In Samarkand, Usbekistan, gebe ich im DHL-Office eine Sendung nach Deutschland in Auftrag. Das Büro hat die Größe eines Badezimmers. Der einzige Angestellte, der dort arbeitet, schiebt meinen Reisepass zusammen mit dem ausgefüllten Visumantrag für China in einen Kunststoffumschlag und verklebt ihn. Er versichert mir, dass die Sendung in spätestens einer Woche in Deutschland ankommen wird.

Einen Tag später, am Dienstagmittag, setze ich mich aufs Fahrrad und mache mich auf den Rückweg nach Kirgistan. Dort werde in Osh den Pass wieder in Empfang nehmen. Noch zehn Tage durch Usbekistan radeln und dann vielleicht zehn Tage in Osh warten - so ist die Kalkulation.

Der Garten des Tes Guesthouse in Osh, in dem ich vier Wochen verbrachte.

Am Donnerstag komme ich nachmittags in Tashkent, der usbekischen Hauptstadt, an - und bin erstaunt: Das DHL-Tracking offenbart, dass ich auf diesen ersten 350 Kilometern meinen Pass glatt eingeholt habe. Erst am Freitag macht er sich auf die Weiterreise von Tashkent nach Europa.

Als der Pass Deutschland erreicht hat, zeichnet sich schnell ab, dass es auch dort schwierig wird, das Visum zu bekommen. Es sieht gar nicht gut aus. Falls es nicht klappt, bleibt nur noch der Flug nach Islamabad. Ich stelle mich auf einen längeren Aufenthalt in Osh ein. Am Ende werden es genau vier Wochen sein.

Mein Koordinierungsbüro richte ich im Tes Guesthouse ein. Es gibt ungeahnte Komplikationen, der Kommunikationsaufwand ist groß. Wegen der vier Stunden Zeitverschiebung habe ich morgens immer frei, von Mittag bis in den Abend hinein reagiere ich per Mail und auch telefonisch auf die immer neuen Entwicklungen und Überraschungen in Deutschland.

Viktor, der Wirt vom "Biergarten" nebenan.

Das Guesthouse liegt im ruhigen südlichen Stadtteil von Osh in der Nähe des Sportstadions. Es ist umgeben von einem großen Garten, in dem auch eine Jurte mit vier Gästebetten steht. Aus der Zeit, als es noch ein Lehrbetrieb für Gartenbau war, sind riesige Rosenbeete übriggeblieben. In der Nachbarschaft gibt es Imbissstuben mit Sitzgelegenheit im Freien, die entfernt an bayerische Biergärten erinnern. Es gibt schlechtere Orte für eine solch lange Wartezeit.

Mein Pass reist derweil auch noch längs durch die deutsche Bundesrepublik. Eines Tages erreicht mich schließlich die wunderbare Nachricht, dass das chinesische Visum gewährt wurde.

UPS versucht nun, den Pass zurück nach Zentralasien zu bringen. Sie scheitern gleich auf den ersten Metern - nach zwei Tagen geht die Sendung zurück nach Berlin, die Postleitzahl von Osh sei nicht richtig. Ich kontrolliere noch einmal die Daten: Die Postleitzahl IST richtig. "Schickt den Pass mit DHL", rufe ich nach Deutschland, "die haben ein Büro hier in Osh."

Im Alai-Gebirge

Die Sendung geht nun zunächst nach England, verläuft sich dort, hängt zwei Tage fest, geht nach Moskau, dann nach Bishkek, Kirgistan. Weil ein Flug ausfällt, verstreichen abermals zwei Tage, aber dann erreicht der Pass doch noch Osh. Eine halbe Stunde vor Schließung des DHL-Büros am Freitagnachmittag halte ich ihn - nach sechs Wochen - wieder in der Hand.

Am Tag darauf der Abschied von Osh. Zur chinesischen Grenze sind es nur 260 Kilometer, allerdings gut 4500 Höhenmeter. Die Straße windet sich durch Flusstäler der Alai-Bergkette. Die Hochgebirgslandschaft ist atemberaubend, auch im Wortsinne. Ich laufe noch unrund nach der langen Pause. Schwerer Durchfall schwächt mich zusätzlich. Die letzten sieben Kilometer zum Taldyk-Pass schiebe ich entkräftet das Fahrrad auf 3600 Meter Meereshöhe hinauf.

Aufstieg zum 3600 Meter hohen Taldyk-Pass.

Es geht ein paar Kilometer bergab und noch einmal hinauf, auf den 3500 Meter hohen "40 Jahre Kirgistan"-Pass. Dahinter taucht die Transalai-Bergkette auf, majestätisch und schneebedeckt. Sie zieht sich von West nach Ost und bildet die Grenze zu Tadjikistan. Ihr höchster und bekanntester Gipfel ist der über 7000 Meter hohe Pik Lenin.

Im Städtchen Sary Tash trennen sich die Wege nach Tadjikistan und nach China. Die Straße nach China verläuft in gut 3000 Metern Höhe parallel zur Gebirgskette Richtung Osten. Wenige Fahrzeuge begegnen mir, vielleicht zehn in der Stunde. Die gute Asphaltstraße steigt zunächst leicht an, wird dann steiler und führt hinauf auf 3750 Meter. Obwohl die Sonne scheint, keine Wolke am Himmel ist, wird es kalt. Böiger Wind hat eingesetzt, ich hole die Handschuhe aus den Packtaschen.

15 Kilometer vor der eigentlichen Grenze versperrt in einer Senke ein Schlagbaum die Straße: der kirgisische Vorposten. Neben dem Schlagbaum steht ein ausrangierter Lastwagenaufbau. Drei Stufen, gebaut aus LKW-Reifen, führen zu einem kleinen Fenster, hinter dem ein freundlicher Uniformierter sitzt. Meine Reiseroute interessiert ihn sehr, er blättert den Pass komplett durch und bemerkt, dass kein Chinavisum darin ist. Ich muss nun den anderen Pass herausholen, begleite meine Bewegungen mit den Worten "das ist eine große Reise - deswegen brauche ich zwei Pässe". Er wundert sich zwar, hat aber kein Problem damit.

Noch einmal aufwärts strampeln, über einen kleinen Pass in das nächste Flusstal. Dann kündigt eine endlos erscheinende Lastwagenschlange die Grenze bei Irkeshtam an. Wenn ich mich hier einreihen müsste, würde ich tagelang warten. Drei Kilometer fahre ich auf der Gegenspur an den Lastwagen vorbei. Bei den Kirgisen ist, wie gewohnt, alles unproblematisch - sie setzen säuberlich ihren Ausreisestempel neben den von der Einreise.

Südlich von Sary Tash erhebt sich die Transalai-Gebirgskette.

Das Niemandsland ist ein kurzer Serpentinenbogen von 300 Metern. Dahinter steht man vor einem Eisentor, an dem zwei Soldaten wachen. Mit einer irritierenden Geste, die bei uns "Geld" meint, verlangt einer von ihnen meinen Pass. Ich reiche ihm den, den ich gerade auch den Kirgisen gegeben habe. - So was Blödes! Das Chinavisum ist doch im anderen. Ich habe vergessen, die Pässe zu wechseln! Ich fuchtele mit den Händen - Moment! Moment! - hier ist der richtige. Der Chinese schaut verwirrt, schaut sich die verschiedenen Fotos in den Pässen an, dann mich. Sind Sie das? Ich nehme die Mütze ab: Na klar!

Bis zum zweiten Grenzposten, ein paar Kilometer weiter, darf ich noch radeln. Dort werden Gepäck und Pass kontrolliert, der Pass wird einbehalten. Man erklärt mir, dass ich bis zur Immigration in Ulugqat, 140 Kilometer entfernt, auf einen Bus umsteigen muss. Dieser Umstand ist mir nicht neu, auch an den anderen Grenzübergängen im Westen der Volksrepublik liegen die Hauptgrenzposten weit im Landesinneren. Dazwischen darf man sich als Ausländer nicht frei bewegen.

Glücklicherweise kommt am späten Nachmittag noch eine Gruppe von Kirgisen über die Grenze, mit denen ich mir einen Kleinbus teilen kann. Andernfalls hätte ich hier übernachten müssen. Der Fahrer bekommt all unsere Pässe ausgehändigt, eine "Flucht" vor Ulugqat ist damit ausgeschlossen.

Die Straße von Irkeshtam nach Ulugqat ist nagelneu, aber an einigen Stellen noch nicht für den Verkehr freigegeben. Wir müssen immer wieder auf geschotterte Umgehungspisten ausweichen und kommen erst nach über drei Stunden in Ulugqat an. Es ist 20 Uhr kirgisischer Zeit, 22 Uhr in China. Trotz der Größe des Landes gibt es in China offiziell nur eine Zeitzone, und die orientiert sich - welch Wunder - an Beijing. Da die Sonne im Winter hier im Westen aber erst nach 10 Uhr aufgehen würde, gibt es eine inoffizielle lokale Zeit, die zwei Stunden nachläuft.

Das Hauptgrenzgebäude am Stadtrand hat die Dimension eines Flughafenterminals. Der Busfahrer gibt unsere Pässe ab, die dann durch viele Hände gehen. Wir warten fast zwei Stunden. Schließlich können wir unser Gepäck zur Durchleuchtung auf ein Laufband legen. Hinter dem Scanner lade ich die Packtaschen auf und schiebe das Fahrrad aus dem Terminal.

Vor mir glitzern die unzähligen Lichter von Ulugqat. In einem einsamen, unbeleuchteten Neubaugebiet, das gerade erst erschlossen wird, breite ich neben der Straße die Zeltplane aus und lege mich im Schlafsack darauf. Ich blicke in einen Sternenhimmel, der nicht anders aussieht als der über Kirgistan. Und doch ist heute etwas Besonderes passiert: Mein Reisepass ist gerade eben nach China eingereist.

 
nächster Bericht "High Way - Karakorum"
vorheriger Bericht "Usbekistan zählt"

Maks

Maks