Zu Gast bei den Schurken

oder: Bei den Bösen auf Achse

1.2.2017 - Abu Sir (75382 km)

Sudan - endlich bin ich im Sudan! Was für ein Kontrast!

Egal, ob Honduras an Äthiopien grenzen würde oder Vietnam oder Paraguay, für einen Radreisenden dürfte die Ausreise aus Äthiopien in fast jedes andere Land der Welt eine Erleichterung sein. Ich kenne nicht einen einzigen Radler, der in Äthiopien keine Probleme hatte - Stress machen insbesondere die steinewerfenden Kinder. Ich habe das Land auf sieben früheren Reisen erlebt, insgesamt rund ein Jahr dort zugebracht, doch dieses Mal war es besonders schlimm, denn auch viele Erwachsene waren aggressiv und fremdenfeindlich (--> "Das Irrenhaus").

Nun ist es im Nordwesten Äthiopiens aber ausgerechnet eines der angenehmsten Reiseländer, das angrenzt: eben der Sudan. Und so könnte der Kontrast kaum größer sein. In Äthiopien gehetzt von Rassismus und widerspenstigen Kindern, im Sudan empfangen von friedvollen und überaus gastfreundlichen Menschen.

Recht keck sind die Frauen im Städtchen Doka, 75 Kilometer hinter der Grenze. In ihrer dunklen Verschleierung wirken sie eigentlich scheu und unnahbar, doch sie rufen mir fröhlich ihre Grüße zu: "Hello!", "How are you?", "Where are you from?". Das Übliche zwar, zehntausend Mal gehört, aber hier wirkt es echt und ehrlich. Sie erwarten auch wirklich eine Antwort.

Äußerst entspannend ist außerdem die geringe Bevölkerungsdichte des Landes. Doka ist seit der Grenze der erste größere Ort in der Steppe, bis hierher gab es nur einige wenige kleine Siedlungen. Das Tiefland ist heiß und trocken, die Regenzeit ist kurz. Wasser bringen in den trockenen Monaten nur ein paar Flüsse aus dem äthiopischen Hochland. Der größte unter ihnen, weit entfernt von Doka, ist der Blaue Nil. Noch weiter entfernt stößt der Blaue bei Khartoum auf den Weißen Nil, zusammen machen sie im wüsten Norden des Landes nur einen ganz schmalen Streifen durch die Sahara fruchtbar.

Übernachtungsplatz am Straßenrand. Das Zelt baue ich wegen der warmen Temperaturen nicht auf, sondern benutze es nur als Unterlage.

Die Weite des Landes und die Friedfertigkeit der Menschen erlauben es mir nun wieder, einfach am Straßenrand zu übernachten. Wegen der kurzen Januartage fahre ich manchmal in die Nacht hinein. Das Radeln in der Dunkelheit kann man getrost riskieren, denn erstens sind nur wenige Autos auf den Überlandstraßen unterwegs, und zweitens ist der Sudan in einer weiteren Hinsicht ein trockenes Land: Da Alkohol strikt verboten ist, gibt es höchst selten alkoholisierte Autofahrer, die einem gefährlich werden könnten.

Wenn ich nicht meine Zeltplane in der Wüste ausbreite, übernachte ich gern in den landestypischen Lokandas. Das sind einfache Restaurants, manchmal nur Bretter- oder Wellblechverschläge, in denen für die Durchreisenden auch Bettgestelle zur Verfügung stehen. Für eine Siesta kann man sie kostenlos benutzen, für die Übernachtung mietet man sie für 50 Cents.

Lokanda -- Restaurant und Hotel zugleich

Die zu einem Wasserbehälter umfunktionierte Ziege ist nichts Außergewöhnliches. Wohl aber der eingebaute Wasserhahn.

 

 

 

 

 

 

Mehrmals laden mich Einheimische direkt von der Straße weg in ihre Häuser ein. Immer lehne ich zunächst zwei Mal höflich ab. Erst wenn die Gastgeber ihre Einladung wiederholen, sollte man sie annehmen. Denn Gastfreundschaft ist im arabischen Raum auch ein Reflex. Wenn etwa der Tischnachbar das Essen serviert bekommt, wird er dich sofort mit einer Handbewegung einladen, daran teilzuhaben. Diese Geste kommt aus dem Rückenmark. Würdest du gleich aufspringen und zugreifen, würde sich der gute Mann ziemlich wundern.

Besonders angenehm bei den Begegnungen mit den Sudanesen ist, dass es ihnen einfach nur um die Gespräche mit dem Fremden geht. Niemand ist auf das Geld des Besuchers oder auf andere Vorteile aus. Keiner fragt mich, ob ich ihm ein Visum für Deutschland organisieren kann. Ohne jeden Argwohn kann ich mich auf alles einlassen. Solche ungezwungenen Kontakte sind in Afrika selten geworden.

In Delgo hat mich Murtada in sein Haus eingeladen. Rechts seine Tochter Fatuma beim morgendlichen Zähneputzen.

Die Bevölkerungsdichte ist wegen des kargen Landes zwar gering im Sudan (ca. 20 Einwohner pro km²), das Wachstum der Bevölkerung liegt mit jährlich zweieinhalb Prozent jedoch genau so erschreckend hoch wie in Äthiopien. Afrika wächst und wächst, und immer begründen die Afrikaner ihre großen Familien mit den Traditionen.

In Zambias Hauptstadt Lusaka habe ich Tadesse kennengelernt, einen 26jährigen Mann aus Eritrea. Er ist Bauingenieur, hat in Dubai und im südlichen Afrika gearbeitet. Er möchte bald heiraten und elf Kinder haben. Leben will Tadesse allerdings nicht in Eritrea, sondern in Deutschland. Er erzählt, dass er einen äthiopischen Freund hat, der dort im Monat 2500 Euro verdient; davon lege er monatlich 2000 Euro beiseite. Tadesse meint auch zu wissen, dass in Deutschland jedem Migranten eine Arbeitsstelle garantiert ist. Trotz seiner guten Bildung gibt er völlig unreflektiert die blumigen Versprechen mafioser Menschenschleuser wieder. Solange er keinen Job als Bauingenieur kriegt, will er bei einer deutschen Familie als Koch arbeiten.

All meine Einwände und Richtigstellungen (die wenigsten Familien in Deutschland leisten sich einen Koch) lässt Tadesse nicht gelten. Die Bilder, die die skrupellosen Schleuser von Europa zeichnen, sind einfach zu verlockend. Tadesse kennt Deutschland viel, viel besser als ich. Verärgert breche ich unsere Unterhaltung ab.

Pyramiden am Fuße des Jebel Barkal, Karima.

"Viele Kinder, das ist unsere Tradition" - das hörte ich immer wieder in Afrika, vor allem in Malawi, Tanzania, Uganda und Kenia.

"Ja, eine selbstmörderische", gebe ich in unseren Gesprächen jedes Mal zu bedenken. "Die Ressourcen reichen nicht aus." Schon jetzt sind Wasser und in Dürrejahren ja auch Lebensmittel ein Problem.

Sie können keine Gegenargumente vorbringen. Sie stimmen mir sogar zu. Aber sie werden trotzdem an ihren "Traditionen" festhalten. Jeder für sich kann schließlich sagen: Meine acht Kinder machen die Welt auch nicht enger. Wir kennen dieses Denken aus unserer eigenen Welt. Da sagt zum Beispiel der Urlauber: Mein Sitzplatz im Flugzeug nach Australien verstärkt den Treibhauseffekt auch nicht.

Bis 2050 wird sich die Bevölkerung Afrikas wahrscheinlich verdoppelt haben. Es wird Kriege um Ressourcen geben. Und weitere Flüchtlingswellen Richtung Norden. Europa wird unter diesem Druck seine Asylpolitik mehrfach anpassen müssen. Krieg im Herkunftsland wird nicht mehr den Einlass nach Europa garantieren können. Die Folgen der gelebten Tradition wird Afrika selbst ausbaden müssen. Ich hoffe, es wird nicht wahr. Aber ich sehe eine hohe Mauer, die sich wie ein Limes durch Europa zieht. Allerdings nicht durch die Mitte, sondern entlang der Südgrenzen unseres Kontinents. Oben auf Wachtürmen stehen Uniformierte - mit Waffen.

Als ich 1992 in umgekehrter Richtung - von Nord nach Süd - durch den Sudan gefahren bin, war die Hauptroute von der ägyptischen Grenze bis zur Hauptstadt Khartoum noch nicht asphaltiert. Dieser Weg über Dongola war damals eine tiefe Sandpiste, durch die sich allein Lastwagen wühlen konnten. Mir blieb nur die abenteuerliche Route entlang der einsamen Bahngleise durch die Nubische Wüste, 370 Kilometer von Wadi Halfa nach Abu Hamed.

Das war eine Fahrt ins Ungewisse. Internet zum Recherchieren gab es nicht, ich wusste nicht einmal, ob ich wohl der erste Radfahrer war, der das versuchte. Die Leute in Wadi Halfa gaben mir überhaupt keine Chance: Du wirst verdursten, Schlangen werden dich beißen, Skorpione werden dich vergiften. - Ich überlebte das Abenteuer, war vier Tage lang durch die Nubische Wüste unterwegs, sah in dieser Zeit kein einziges Auto und auch keinen Zug. (--> "Schwellenreiten in der Wüste")

Keine Straße, nicht einmal eine Piste: 370 Kilometer Sand von Wadi Halfa bis nach Abu Hamed (Dezember 1992).

Heute ist die Alternativroute über Dongola asphaltiert und in gutem Zustand. Leichtes Spiel für Radler. Jedenfalls in Richtung Khartoum, denn es bläst zuverlässig ein sehr, sehr kräftiger Wind aus nördlichen Richtungen. Ich erinnere mich an die Worte meines Freundes Bennie, der 2007/08 mit einem Liegetandem durch Afrika radelte (--> BikeTogether): "Hier fährt man mit dem Rad leicht 200 Kilometer am Tag." In umgekehrter Richtung bremst der Wind so stark, dass ich manchmal stundenlang nicht über 9 km/h hinauskomme. Das ist in der Wüste besonders frustrierend, da man in solch eintöniger Landschaft das Gefühl hat, festgewachsen zu sein. 100 Kilometer am Tag schaffe ich nur deswegen, weil ich noch in die Dunkelheit hineinradele. Meistens lässt der brutale Wind abends nach, jedoch nicht immer.

Solch eine Landschaft über Hunderte von Kilometern ist für Radfahrer nicht einfach. Wenn dich dann auch noch Gegensturm auf 9 km/h herunterbremst, brauchst du mehr Kraft im Kopf als in den Beinen.

Seit einigen Wochen bin ich per eMail mit einem deutschen Reiseradler in Verbindung, der mir von Norden entgegenkommt. Rainer möchte durch den Sudan nach Äthiopien fahren und fragt nach der Lage dort. Gleichzeitig berichtet er über die aktuelle Situation in Ägypten. Überall sei Polizei auf den Straßen, teilt er mit, alle naslang gibt es Checkpoints. Für lange Abschnitte durch Oberägypten besteht für Ausländer Konvoipflicht, was für Radler bedeutet, dass sie verladen werden. Rainer wurde Hunderte Kilometer auf Polizei-Pickups durch das Land transportiert. Das häufige Umladen an den Checkpoints hat sein Fahrrad ziemlich ramponiert, wie er schreibt.

Es ist bekannt, dass Ägypten mit Sicherheitsproblemen kämpft, aber so drastisch hatte ich mir die Zustände dort nicht vorgestellt. Bewusst war mir allerdings, dass zumindest im äußersten Süden Ägyptens das Fahrradfahren verboten ist, denn der ist seit Jahrzehnten schon militärisches Sperrgebiet. Hier kann man als Radler nur zwischen der Fähre über den Assuanstausee und dem Bus von Abu Simbel nach Assuan wählen.

Ein Auto mit diplomatischem Kennzeichen hat überholt und angehalten. Der Fahrer steigt aus, dann ein Ehepaar: der Botschafter der Republik Südafrika im Sudan und seine Frau. Sie wollen nur fragen, ob alles in Ordnung ist.

 

 

 

Immerhin aber habe ich es geschafft, von Kapstadt bis nach Wadi Halfa jeden einzelnen Meter aus eigener Kraft zurückzulegen, 15.000 Kilometer ohne jede Unterbrechung. Unterbrechungen zu vermeiden, war nicht immer einfach, denn es gab kritische Abschnitte wie etwa den Katavi Nationalpark in Tanzania und die frühere Konvoistrecke durch den Norden Kenias.

Genauso lange übrigens - seit gut neun Monaten - habe ich auch keinen platten Reifen mehr repariert. Einen Plattfuß hatte ich noch in Zimbabwe. Statt den Schlauch zu flicken, habe ich es mal mit Pannenflüssigkeit probiert ("Doc Blue"). Und seit diesem Tag herrscht Ruhe.

In Wadi Halfa treffe ich schließlich Rainer. Er ist seit Monaten der erste Radreisende, der mir begegnet. Wir verbringen kurzweilige Tage mit Fachsimpelei und dem Austausch von Erfahrungen aus Äthiopien und Ägypten.

Nach drei Tagen verabschieden wir uns wieder voneinander. Rainer hat's gut: Auf ihn warten noch vier Wochen Sudan.

Aber ich hab's auch gut: Auf mich wartet in Ägypten das erste Bier seit vier Wochen.

 
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