Nach Afrika!

(Brasilien / Atlantik / Südafrika)

30.3.2016 - Kapstadt (59295 km)

Mitten in der Nacht vor einem Hafen auf den Schiffs-Agenten warten zu müssen, ist nicht das, was man sich in Brasilien wünscht. In Santos könnte ich gleich freiwillig Hab und Gut im Ozean versenken. In Santos' Hafennähe wird man selbst mitten am Tag überfallen. Einen, dem das passierte, lernte ich in Kanada kennen, einen Radreisenden aus Südkorea. Banditen hielten ihm einen Revolver unter die Nase, er verlor all sein Bargeld und den Reisepass. Wie gesagt, am helllichten Tag.

Am frühen Morgen im Containerhafen von Itajaí

Glücklicherweise ist Itajaí auch nachts einigermaßen entspannt. Ein paar Betrunkene lungern herum, sie scheinen aber harmlos zu sein. Zusammen mit dem Agenten Eduardo begebe ich mich dann in den Hafen. Wegen der allgemeinen Sicherheitsbestimmungen wird jeder, der das Gelände betritt, durchsucht und abgetastet. Auch Eduardo, obwohl sie ihn ja alle kennen. Sein elektronischer Ausweis hakelt außerdem, er wird am Drehkreuz nicht erkannt. Es dauert zehn Minuten, bis Eduardo durchkommt.

Da mein Rad und der Anhänger aber nicht durch dieses Drehkreuz passen, öffnet einer der Uniformierten eine Seitentür, durch die man das Hindernis umgeht. So komme ich, der Unbekannte, um die Leibesvisitation herum, muss nicht einmal meinen Ausweis vorzeigen und werde ohne jegliche Kontrolle in das Hafengelände eingelassen.

Der Weg der MOL Garland über den Atlantik. An St. Helena fahren wir weit vorbei. Vor 15 Jahren hatte meine Segelbootreise von Kapstadt nach Recife über diese Insel geführt (-> "Jenseits von Afrika" und -> "Die Insel" auf www.lemlem.de).

Eduardo und ich warten noch eine halbe Stunde, bis wir die zweihundert Meter bis zum Schiff zurücklegen dürfen - zu Fuß. Auch das ist alles andere als selbstverständlich. Seit zehn Jahren herrschen in den Containerhäfen weltweit Regeln, die das eigentlich verbieten. In Prince Rupert in Kanada musste ein Auto mich und das Fahrrad die dreihundert Meter vom Schiff bis zum Hafenausgang fahren.

Gemeinschaftsunterkünfte mit Doppelstockbetten sind Vergangenheit für die Seeleute auf heutigen Containerschiffen. Meine Kabine (siehe unten) ist allerdings überdurchschnittlich groß.

Der Raum, in dem wir Fahrrad und Anhänger verstauen, dient bei Fahrten durch den Suezkanal der "Suez Crew", die nur ca. zwölf Stunden an Bord ist.

 

Es ist zwei Uhr nachts, als ich an der Gangway stehe. Während ich den Anhänger vom Fahrrad trenne, begrüßt mich unerwartet jemand auf Deutsch: "Kann ich helfen?" Es ist Willi, ein sehr angenehmer, positiver Mensch, dem auch in den kommenden zwei Wochen immer ein angenehmes Lächeln im Gesicht steht. Willi ist Nautischer Offiziersassistent und der einzige Deutsche an Bord. Der Kapitän und die meisten anderen Offiziere stammen aus Rumänien und aus der Ukraine, die unteren Dienstränge sind - wie auf Frachtschiffen allgemein üblich - von Filipinos besetzt.

 

"Ja bitte - Sie wünschen?"

 

 

 

 

 

 

 

Über Platzmangel in meiner Kabine kann ich nicht klagen.

Was mich schon vor zwei Jahren auf der Hanjin Ottawa zwischen Shanghai und Kanada überrascht hatte: Die meisten der Seeleute haben zu Hause eine Familie. Ich hatte auf den Ozeanen eigentlich Single-Clubs erwartet. Die Europäer sind üblicherweise drei oder vier Monate an Bord und kehren dann für einige Monate zu ihrer Familie zurück, die Filipinos bleiben meist sechs bis zwölf Monate auf dem Schiff. Längere Dienstzeiten sind heute nicht mehr erlaubt. Conrado Ubungen, der Zweite Maschinist, ist 61 Jahre alt und fährt seit 40 Jahren zur See. Sein erster Vertrag lief 1976 über fünf Jahre, in denen er seine philippinische Heimat nicht sah. Auch nicht das Kind, das er kurz vor seinem Aufbruch gezeugt hatte. Bei seiner Rückkehr war der Sohn vier Jahre alt. Heute fährt auch er zur See.

Die MV MOL Garland hat eine ähnliche Größe wie die Hanjin Ottawa. Das Schiff ist 275 Meter lang, 40 Meter breit und kann 2800 40-Fuß-Container aufnehmen (das sind die "normalen" Container, 20 Fuß sind die halben). Außergewöhnlich ist die Zahl der Plätze für Tiefkühl-Container: 600 können auf der MOL Garland mit Strom versorgt werden. Dafür sind zusätzliche Generatoren im Bauch des Schiffes notwendig.

Ankunft in Santos; auf dem Motorboot kommt der Lotse herbei.

Vier Tage sind wir nach Itajaí noch vor der Küste Brasiliens unterwegs. Wir legen in Santos an, dem Hafen der Metropole Sao Paulo, und dann in Itaguai. Das ist der Hafen, in dem ich eigentlich zwei Wochen später mit der MOL Gateway in See stechen wollte. Doch der Charterer entschied unerwartet, dass das Schiff in asiatischen Gewässern bleibt. Als Alternative gab es nur die MOL Garland, aber eben zwei Wochen früher. Die Agentur in Wuppertal, "Frachtschiffreisen Pfeiffer", konnte mich mit einigem Aufwand kurzfristig umbuchen. Um das Schiff rechtzeitig zu erreichen, steuerte ich den Hafen von Itajaí an. Und wie sich in diesen Tagen herausstellt, wird auch die MOL Garland jenseits von Afrika in asiatischen Gewässern bleiben. Ich habe also das vorerst letzte Schiff nach Afrika erwischt, das auch Passagiere mitnimmt.

Die Abfahrt in Itaguai ist für 15 Uhr geplant. Aber um 17 Uhr arbeitet immer noch einer dieser riesigen Kräne. Unten an Deck erfahre ich, dass die Aggregate von einigen Kühlcontainern ausgefallen sind, es hier aber keine Ersatzteile für diesen Typ gibt. Um die defekten Container herauszufischen, müssen 120 andere abgetragen werden, die auf einer massiven Zwischenplatte stehen. Pro Container sind drei Minuten zu veranschlagen. Der Lotse geht wieder von Bord, um 6 Uhr morgens wird er wiederkommen. Dafür werden etliche Arbeiter für die Containerbewegungen zum Hafen gerufen, sie arbeiten die ganze Nacht hindurch. Die Kosten für die Aktion: rund 80.000 Euro. Die Alternative wäre gewesen, die Ware in den defekten Kühlcontainern verderben zu lassen und dem Empfänger Schadenersatz zu zahlen. Das wäre günstiger gekommen, hätte aber den Ruf der Reederei beschädigt.

Probealarm an einem Tag mitten auf dem Atlantik. Wir versammeln uns am Rettungsboot ...

... steigen ein ...

... schnallen uns an und starten zum Test auch den Dieselmotor. Rechts der Erste Offizier Oleksandr aus der Ukraine, links der Nautische Offiziersassistent Willi aus Deutschland.

Mit einem halben Tag Verspätung geht es hinaus auf den offenen Ozean. Zehn Tage waren bis Kapstadt geplant, wegen der verzögerten Abfahrt wird das Schiff etwas schneller fahren. Ca. 16 Knoten, 30 Kilometer in der Stunde, 700 Kilometer pro Tag. Vor meiner Fahrt über den nördlichen Pazifik vor zwei Jahren hatte ich Sorge, dass während der Zeit auf dem Schiff Langeweile aufkommen könnte. Doch das war damals nicht so, und auch dieses Mal habe ich genug zu tun, zum Beispiel mit dem Ordnen meiner vielen Fotos. Am Ende schaffe ich nicht einmal alles, was ich erledigen wollte.

Reich gedeckter Tisch bei der Samstags-Party auf der MOL Garland: Mit Muscheln, Garnelen, Bratwurst, Bauchfleisch, Steaks ...

... und mit dem blutrünstigen Melonen-Hai, den der Koch Caesar (rechts) und Steward Thomas am Nachmittag erlegt hatten.

Nach neun Tagen auf dem Wassermeer sehen wir in den frühen Morgenstunden des 14. März vor uns ein weites Lichtermeer: die funkelnden Laternen von Kapstadt. Bald danach geht die Sonne auf. Sie beleuchtet hinter der Stadt einen Berg. Den Berg - den Tafelberg.

Im fernen Deutschland hat sich in diesen Tagen viel getan. Während unserer Fahrt über den Atlantik wird im Patria-Werk bei Bielefeld ein neues Fahrrad für mich zusammengebaut. Ein Klon des in San Ignacio gestohlenen Rades, der schließlich an Tine in Göttingen geschickt wird. Ihre Kollegin Gabi fliegt demnächst mit ihrer Familie nach Südafrika und wird das neue Rad netterweise mitnehmen. Tine hat noch die gute Idee, das Rad ein bisschen durch den Dreck zu fahren, damit es nicht so neu aussieht und der Zoll in Kapstadt keine Probleme macht.

Am 17. März spät abends eine Mail von Tine: "Fahrrad fliegt..." Zweieinhalb Stunden später eine weitere Mail von ihr: "dringend!!!!" - Ich könne mir die Fahrt zum Flughafen morgen früh sparen. Gabi, Hans und ihr Sohn Jasper durften in Zürich nicht in das Flugzeug nach Kapstadt umsteigen, weil die beglaubigte Übersetzung der Geburtsurkunde für Jasper fehlte. Die Bürokratie wird langsam absurd. In 20 Jahren werden wir ein Visum brauchen, um aus der Haustür zu treten.

Während die drei in Zürich zurückbleiben, ist der Aufenthaltsort des Fahrrades eine Zeitlang unklar. Wie sich bald herausstellt, fliegt es voraus und steht über das Wochenende in der Aufbewahrung in Kapstadt (wo es glücklicherweise nicht verdunstet). Drei Tage später kommen Gabi und Familie nach.

Gabi, Hans und Jasper haben das neue Patria Terra mitgebracht!

 

Hier in Kapstadt stehe ich an der Südwestspitze des Kontinents. Das nächste große Zwischenziel ist Kairo, quasi "schräg oben gegenüber", im Nordosten Afrikas. Unter den Grußschreiben an alle Erlanger Partnerstädte steckt auch eines an Istanbul in meinen Packtaschen. Ich werde also nicht etwa über Marokko nach Europa zurückkehren, sondern über Ägypten. Da mein Weg aber bereits zwei Mal durch Afrikas Osten führte (1992/93 (Erlangen-Kapstadt) und 2001 (Auftakt der ersten Weltumradlung)), wollte ich mich diesmal zunächst weiter im Westen halten, durch Angola und den Kongo fahren und mich erst auf der Höhe des Äquators nach Osten orientieren.

Doch nach zwei Jahren Freiheit hat auch mich die Bürokratie wieder: Visumprobleme. In Amerika gab es dieses Thema nicht. Du kommst an eine Grenze, reichst deinen Pass hin und hast mit dem Stempel üblicherweise 90 Tage Aufenthaltserlaubnis. An manchen Grenzen musst du ein paar Dollar zahlen, meistens ist der Eintritt sogar frei.

In Afrika gehören Angola und auch der Kongo zu den Ländern, für die man nicht nur ein Visum braucht - man kann diese Visa auch nur im Heimatland beantragen. Ich müsste also - wie mehrmals schon auf der Reise durch Asien - meinen Zweitpass einsetzen, die Visa über eine Agentur in Berlin einholen und mir den Pass dann wieder zuschicken lassen. Selbst wenn ich diesen Aufwand und die Kosten auf mich nehmen würde (250 Euro für Angola und 190 Euro für den Kongo plus Kosten für die Agentur und Kosten für den sicheren Versand des Passes), bestünde auch noch die Gefahr, dass ich mich bürokratisch im mittleren Afrika festfahre und dort nur noch mit einem Flug herauskomme. Nachdem ich zweimal einem Flug nur knapp entging (-> Kirgistan-Pakistan und -> Indien-Thailand) und nun außerdem beide Ozeane per Schiff überqueren konnte, will ich dieses Risiko nicht eingehen. Spannend wird es ohnehin noch im Nadelöhr Äthiopien-Sudan-Ägypten.

So wird mein Weg nun erst einmal entlang der Garden Route nach Osten führen und dann auf noch unbestimmten Wegen nördlich Richtung Nairobi. Morgen breche ich in Kapstadt auf.

Blick vom 1000 Meter hohen Tafelberg auf Kapstadt

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Dank!

So schwierig die letzten Wochen in Südamerika waren, so viel Hilfe habe ich aus Deutschland erfahren. Das betraf den Aufbau und den Transfer des neuen Fahrrades, aber auch die Lösung der Schiffspassage von Südamerika nach Afrika.

Mein ganz herzlicher Dank geht an:

  • die Rohloff AG (Barbara und Bernd Rohloff) für die Zulieferung des neuen Speedhub-Getriebes
  • "Tine" Bettina Wichers, die den Transfer des Rades nach Kapstadt koordiniert hat
  • Gabi und Familie für den Transport des Fahrrad nach Kapstadt (was für ein Stress wegen des fehlenden Papiers!)
  • an Thomas Ludwig, "meinen Logistiker", der in den Aufbau des Rades involviert war
  • die Radreisekollegen, die mir netterweise ihr eigenes Reiserad für die Fortsetzung der Tour zur Verfügung stellen wollten
  • all denen, die sich mit einer Spende an einem neuen Fahrrad beteiligen wollten. Ich habe PATRIA vorgeschlagen, dass wir dieses Angebot akzeptieren und das Geld direkt an die Firma geht. Aber Jochen Kleinebenne wollte keinesfalls etwas annehmen und schlug vor, dass Spenden stattdessen an "Ärzte ohne Grenzen" gehen sollen.
  • Erik Carmohn, der sich bereiterklärte, das Rad am Flughafen in Kapstadt entgegenzunehmen und bei sich zu lagern (was sich durch meine vorzeitige Ankunft in Afrika erübrigte)
  • und herzlichen Dank all denen, die ich jetzt vielleicht noch vergessen habe!

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Während meiner zwei Wochen in Kapstadt konnte ich auch einen lieben alten Freund und Volleyball-Kollegen wiedertreffen: Wolfgang Buhrow, der die Hälfte des Jahres in Namibia lebt und gerade eine kleine Reisegruppe durch das südliche Afrika führte.

Alles Gute, Wolfgang - in zwei Jahren sehen wir uns in Deutschland wieder!

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Maks

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