V.I.P.

Gut behütet durch Ägypten

27.2.2017 - Ein Gedi (76063 km)

Es ist Nacht im Niltal. Seit zwei Stunden fahre ich schon durch die Dunkelheit. Ganz finster ist es allerdings nicht, denn die Besiedlung am Nil ist so dicht, dass überall Lichter unter den Palmen funkeln. Und weil Ägypten sich den Luxus von Straßenlaternen leistet, von denen die meisten auch funktionieren, kann ich auf meine Stirnlampe verzichten. Hinter mir schaltet der Polizeiwagen seine Scheinwerfer immer mal ein, dann wieder aus. Das ist so eine eigenartige Sitte in Ägypten - als wollten die Fahrer mit dem Ein und Aus des Lichtes den Gegenverkehr aufwecken.

Hauptsache, sie funktioniert.

 

 

 

 

 

Polizeiwagen folgen mir seit dem Nachmittag. Anfangs dachte ich, dass es immer derselbe ist. Als mich dann aber einer der Wagen kurz überholte und ein neues, freundliches Gesicht aus dem Seitenfenster heraus grüßte, erkannte ich, dass sie sich ablösen. Meistens passiert das im fliegenden Wechsel, alle zehn bis zwanzig Kilometer.

Dass die Polizei mich irgendwo in Ägypten einfangen würde, war absehbar. Rainer, ein deutscher Radler, den ich im Sudan traf, hat mich darauf vorbereitet. Er hat in Ägypten mehrere Hundert Kilometer auf der Ladefläche von Polizei-Pickups verbracht, weil man ihn immer wieder zwangsweise verladen hatte. Zunächst auf dem Sinai und dann im mittleren Ägypten. Rainers detaillierte Schilderungen helfen mir nun bei der Wegsuche durch das Land.

Sphingen-Allee in Luxor

Zwischen Assuan und Luxor vermied ich Diskussionen mit der Polizei, indem ich ihre Checkpoints mied. Das funktionierte sehr gut auf der Westseite des Nils, wo abseits der östlichen Hauptroute schmale Straßen durch kleine Dörfer führen. An drei harmlosen Checkpoints kam ich durch. Einmal telefonierten die Uniformierten, bevor der Chef der Station mich durchwinkte.

Nördlich von Luxor nahmen die Zahl und die Massivität dieser Kontrollpunkte zu. Sie verwandelten sich immer mehr in Festungen: Wachtürme, Betonabsperrungen quer über die Straße, Soldaten in schusssicheren Westen hinter Sandsäcken mit aufgelegten Maschinengewehren, gepanzerte Fahrzeuge in Bereitschaft.

Bis nach Qena konnte ich diese Festungen auf sandigen Seitenwegen durch Lehmhaussiedlungen umfahren. Weiter nördlich sah ich meine einzige Chance für freie Fahrt in der Desert Road, die abseits des Nils durch die Wüste verläuft. Doch auf der Höhe von Nag Hammadi führte diese Straße geradewegs in einen Kontrollpunkt hinein. Ausweichen war unmöglich. Es folgten die Zwangsverladung von Rad und Radler und der Transport auf dem Polizei-Pickup zurück zur Nilstraße. Dort durfte ich - mit der Eskorte im Rücken - wieder radeln. Doch ab diesem Tag bin ich für 500 Kilometer rund um die Uhr unter Bewachung.

Auf der Western Desert Road hätte ich - wie oft auch in der Wüste im Sudan - einfach am Straßenrand übernachtet. Im dichtbesiedelten Niltal und mit der Polizeibegleitung kommen nur Hotels in Frage. Wenn wir abends eine passende Unterkunft gefunden haben, wird stets auch ein Mann abgestellt, der für meine Sicherheit sorgen soll. Er übernachtet mit seiner Waffe in der Lobby und klärt bereits am Abend, wann es am nächsten Morgen weitergehen soll.

"Praying Direction" - in diesem Hotelzimmer wird die genaue Richtung nach Mekka angezeigt.

Auf zwei Abschnitten scheinen die Sicherheitsprobleme im Niltal so gravierend zu sein, dass alles Diskutieren mit den Uniformierten nicht hilft. Für rund 30 Kilometer um die Stadt Mallawi herum muss ich auf der Ladefläche eines Polizei-Pickups Platz nehmen, dann noch einmal für die letzten Kilometer bis ins Stadtzentrum von El Minia. Diese zweite Verladung ist für mich besonders überraschend, weil ich doch eine Stunde zuvor erst freigelassen worden bin. Warum das denn nötig sei, frage ich Mohammed, den Offizier, der mich gestoppt hat.

"Weil es noch sehr weit bis nach Minia ist."

Klar, das sind zehn Kilometer,  mit dem Fahrrad unmöglich zu schaffen. Seine Begründung ist absurd. Eindeutig, dass er nicht über die heikle Sicherheitslage sprechen will. Nach kurzem Sträuben wird mir schnell klar, dass sie mich hier auf keinen Fall radeln lassen wollen.

Der Nil bei Assuan

Wir verfrachten also Rad und Gepäck für die kurze Wegstrecke auf die Ladefläche des Pickups, dann lädt mich Mohammed nach vorn in die Kabine ein. Ich möchte jedoch hinten beim Fahrrad sitzen, um es bei dem Geschaukel über die vielen Teerbuckel stützen zu können. Mohammed wiederholt, dass ich vorn einsteigen soll. Er sagt, dass sein Kollege auf der Ladefläche auf das Rad aufpassen wird. Ich weiß ganz genau, dass er das nicht tun wird. Schon beim Verladen des Fahrrades konnte ich sehen, wie nachlässig sie damit umgehen.

Es folgt Mohammeds zweite lustige Begründung: "Hinten auf der Ladefläche ist es zu heiß."

Auch klar: Bei 20 Grad im ägyptischen Winter könnte ich da hinten ja in Ohnmacht fallen. "Es ist okay für mich", erwidere ich.

Jetzt wird der Mann ungemütlich und formuliert seine Bitte in dem Ton eines Befehls.

Sorry, ich muss den Befehl verweigern. "Entweder fahre ich auf dem Fahrrad ins Stadtzentrum oder ich sitze hinten auf der Ladefläche." Zerknirscht steigt Mohammed allein vorn ein, und wir fahren los.

"Es ist viel zu weit bis nach El Minia" ... "Hinten auf der Ladefläche ist es zu heiß" ... so sind die Araber, wenn irgendetwas nicht stimmt, wenn ihre Welt in einem schlechten Licht erscheinen könnte: Sie reden um die unschöne Wahrheit herum. Immer ist alles in Ordnung, immer heißt es: "Mush mumkin", "Mushkila mafi" - kein Problem. Irgendwie gefällt mir ihr Stolz ja sogar, aber ich habe eben auch meinen eigenen.

Am nächsten Morgen wartet wieder ein Pickup mit Blaulicht vor dem Hotel. Doch der Rezeptionist sagt, ich könne mit einer schriftlichen Erklärung klarstellen, dass ich auf eigene Gefahr radeln möchte. Ich träume schon vom Ende der Polizeipräsenz. Es ist nämlich nicht sehr angenehm, ständig Druck im Rücken zu haben und fast pausenlos fahren zu müssen. Mit meinem Schreiben werde ich die Eskorte jedoch nicht los, sondern erreiche nur, dass ich wieder auf dem Rad sitzen darf. Erst nördlich von Beni Suef verabschieden sich am nächsten Tag die letzten Begleiter von mir.

Meine Begleiter auf dem Weg durch Beni Suef.

Wovor die Polizei mich schützen sollte, bleibt unausgesprochen. In den Hotels war immer nur allgemein von "Sicherheitsproblemen" die Rede. Es geht sehr wahrscheinlich darum, medienwirksame Terrorakte radikaler Moslems gegen ausländische Besucher zu verhindern. Ägyptens Tourismusindustrie ist wegen zahlloser Attentate fast völlig zusammengebrochen. Einer der aufsehenerregendsten Anschläge war das Massaker vor dem Hatschepsut-Tempel im Tal der Könige, bei dem vor 20 Jahren 62 Menschen starben. Und vor gut einem Jahr stürzte über der Sinai-Halbinsel ein russisches Flugzeug mit mehr als 200 Urlaubern ab. Niemand überlebte. Es gilt als sicher, dass eine in Sharm el Sheikh an Bord geschmuggelte Bombe den Absturz verursachte.

Jedenfalls kann es bei meinen V.I.P.-Eskorten nicht um den Schutz vor dem gewöhnlichen Ägypter auf der Straße gehen. Die Menschen in diesem Land sind nämlich ähnlich freundlich zu ihren Gästen wie die Sudanesen. Billige Anmache, die früher nicht nur in den Touristenzentren üblich war, gibt es kaum noch. Damals musste man ständig auf der Hut sein. Eine Einladung zum Tee führte meistens in einen Parfüm- oder Teppichladen. Mit dem Ausbleiben der zahlungskräftigen Besucher scheinen die Ägypter wieder zu ihrer traditionellen Gastfreundschaft zurückgefunden zu haben. Ich bin angenehm überrascht.

Nur im Süden zwischen Assuan und Luxor habe ich gelegentlich ein Äthiopien-Déjà-vu. Kinder machen dummes Zeug, stellen sich mir in den Weg, rennen hinter dem Fahrrad her und reißen am Gepäck, werfen einmal auch mit Steinen. Die Steinwürfe sind allerdings flach und nicht auf meinen Körper gezielt. Und im Unterschied zu Äthiopien reicht hier ein ernster, klarer und lauter Kommentar (in einer beliebigen Sprache), um den Unfug zu stoppen. Der entscheidende Unterschied zu Äthiopien aber ist, dass Erwachsene eingreifen, wenn sie solch eine Szene beobachten. Sie gehen sofort auf die Kinder zu und weisen sie zurecht. In Äthiopien dagegen tanzen die Kinder den Erwachsenen auf der Nase herum. Die Eltern dort verharmlosen die gezielten Steinwürfe dann auch noch gern als "ein Spiel".

Was neben der neuen Freundlichkeit im heutigen Ägypten übrigens noch auffällt: Das Land wird konservativer. Sehr viele Frauen sind vollverschleiert auf den Straßen unterwegs, und überall tönt religiöses Gedudel aus Radios und Fernsehern. Auch sieht man häufiger diesen seltsamen braun-blauen Fleck auf der Stirn von Männern. Farben, wie sie unter der Haut entstehen, wenn man mit dem Schienbein gegen eine Eisenstrebe geknallt ist. Die Ägypter verschaffen sich ihren Fleck beim Beten, indem sie den Kopf besonders heftig auf den Boden aufsetzen. Einige reiben die Stirn wohl auch noch auf dem Gebetsteppich, denn sie haben eine offene Wunde. Jedenfalls scheint es ein Statussymbol zu sein: Je ausgeprägter der blaubraune Fleck, desto gläubiger ist der dazugehörige Mann.

Gruppenbild mit vier Damen - im Luxor-Tempel.

Der "natürliche Heimweg" von Ägypten nach Europa würde über Jordanien und Syrien in die Türkei führen. Doch nach Syrien kann man derzeit nicht überland einreisen (jedenfalls nicht von Süden kommend), ebenso wenig in den Irak weiter im Osten oder nach Libyen im Westen. Schon lange ist klar, dass ich einen Weg über das Mittelmeer finden muss. (Flüge will ich auf dieser Weltumradlung auf jeden Fall vermeiden, darüber habe ich in früheren Berichten ja schon oft genug philosophiert - z.B. hier: Der lange Freitag.)

Von Rainer hatte ich bereits erfahren, dass es von Ägypten aus keine Fähren mehr über das Mittelmeer gibt. Da inzwischen generell das Einschiffen in Ägypten verboten ist, kommen auch Frachtschiffe nicht in Frage. Somit steht fest, dass ich nach Israel weiterfahren muss. Dort gibt es eine Fähre von Haifa nach Zypern. Von Zypern kann man dann auf das Festland der Türkei übersetzen.

 

Die Pyramiden von Gizeh

 

 

 

 

Der Weg nach Israel ist allerdings nicht ganz einfach, denn zwischen Ägypten und dem Nachbarland gibt es wegen der immer schlechter werdenden Sicherheitslage auf dem Sinai nur noch einen offenen Grenzübergang, den Übergang bei Taba im Osten der Halbinsel. Unklar ist, ob man hier mit dem eigenen Fahrzeug einreisen darf. Es gibt Gerüchte, dass selbst Fahrräder nicht mehr passieren dürfen. Für diesen Fall müsste ich noch einen weiteren Umweg machen - über Jordanien.

So führt mein erster Weg in Kairo zur jordanischen Botschaft, wo ich innerhalb von ein paar Stunden ein Visum für das Königreich bekomme. Falls ich die Grenze bei Taba nicht überqueren kann, werde ich die Fähre von Nuweiba nach Aqaba nehmen und unmittelbar danach von Jordanien nach Israel einreisen. Während die Jordanier meinen Antrag bearbeiten, marschiere ich zur syrischen Botschaft, um auch dort um ein Visum zu bitten. Erwartungsgemäß wird diese Bitte abgelehnt.

Ein paar Tage bleibe ich noch in Kairo. Ich habe Khaled kennengelernt, einen geselligen Franzosen mit algerischen Wurzeln. Zusammen wandern wir durch das islamische Viertel der Metropole und durch die Totenstadt, einen riesigen Friedhof, auf dem zwischen den Gräbern auch Tausende Lebendige wohnen.

Eines Abends stellt sich heraus, dass im letzten Jahr auch die Fährverbindung Israel-Zypern eingestellt wurde. Bytes sind geduldig. Der Fahrplan, den ich neulich im Internet gefunden habe, ist veraltet. Ich recherchiere weiter, schreibe verschiedene Reedereien und Agenturen an, versuche, den Yacht-Club in Tel Aviv zu erreichen. Zurück kommen keine oder nur schlechte Nachrichten. Aber es kann doch nicht sein, dass ich auf den letzten Metern vor Europa doch noch in ein Flugzeug steigen muss!

Dann, nach mehreren Tagen Hin und Her, endlich eine Lösung. Eine verrückte Lösung. Der Weg über das Mittelmeer wird mich sehr weit nach Westen führen.

Regentag in der Wüste zwischen Kairo und Suez

Von Kairo fahre ich bei Regen und Temperaturen um die zehn Grad durch die Wüste nach Suez. Über die Halbinsel muss ich den Bus nehmen, denn nur der Osten gilt als sicher genug, dass man dort radeln darf. Nach einem Abstecher mit ein paar Faulenzertagen im Touristenort Dahab steuere ich die Grenze bei Taba an. Das Gerücht war wirklich nur ein Gerücht, das Fahrrad kommt durch.

Auf dem Sinai

Strenge Kontrollen allerdings auf beiden Seiten. Hier wie dort wird sämtliches Gepäck durch Röntgenapparate geschickt. Auf der israelischen Seite die Frage, ob mich jemand um einen Kurierdienst gebeten habe, ob ich also fremde Sachen im Gepäck hätte. - "Nein." - Trotz der Durchleuchtung soeben räumen die Damen von der Sicherheitskontrolle eine Tasche komplett aus. Offenbar nur eine Stichprobe, die anderen Taschen rühren sie nicht an.

Die Beduinenmädchen Aisha (rechts) und Miriam

 

Die Dame am Schalter für die Einreiseformalitäten hat südostasiatische Gesichtszüge, sie könnte aus Südkorea stammen. Ihre Fragen zu meinen Plänen in Israel sind sehr detailliert, außerdem will sie wissen, wann und wo ich zuvor gereist bin. Besonders meine Aufenthalte in Russland und Kasachstan und dann im Sudan interessieren sie. "Wann waren Sie in Khartoum?" Sie wundert sich auch, dass ich mit dem Fahrrad auf Umwegen durch den israelischen Norden nach Tel Aviv fahren möchte. Das sei doch sehr weit. Wo ich denn übernachten wolle? Und wie ich den Weg finden könne? Wie die Nummer der Straße ist, auf der ich fahren möchte?

Der Pass bleibt sauber. Israel weiß, dass man mit dem israelischen Stempel im Ausweis in einigen arabischen Ländern Probleme bekommt, dass damit dort nämlich Einreiseverbot droht. Statt zu stempeln, legen die Israelis nur ein Kärtchen in den Pass. Nach der Ausreise lässt man es verschwinden. (Blitzblank sauber ist der Pass dennoch nicht: Ein akribischer arabischer Konsul würde am Ausreisestempel "Taba" erkennen, dass ich Israel besucht habe.)

Eine gute Stunde hat der Grenzübertritt gedauert. Dann schiebe ich das Rad hinein nach Israel. Es ist das 50. Land auf dieser Reise.

 
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